Jahreskreisfeste – Natur pur statt Esoterik

Ist das Feiern der Jahreskreisfeste eine Ersatzreligion?

Der Jahreskreis und seine acht Feste sind momentan sehr populär. Menschen können mit den institutionellen Religionen oft nicht mehr viel anfangen und wünschen sich echte Naturverbindung und sinnige Rituale, die Halt und Struktur geben. Daran ist nichts verwerflich – unser menschliches Gehirn ist darauf ausgelegt, Strukturen zu erkennen und immer wieder zu suchen. Es gibt uns als Säugetieren Sicherheit, wenn wir uns an wiederkehrenden Rhythmen orientieren können. Die Sehnsucht danach, sich als Teil des großen Ganzen zu fühlen lässt viele Menschen auf die Suche nach Alternativen zur Religion gehen. Da liegt es nahe, sich an dem zu orientieren, was die die Natur bietet: unverfälschte, rohe und gewaltige Wahrheit, weil sie einfach ist, wie sie ist.

An dieser Stelle jedoch passiert etwas Spannendes: im Jahreskreis werden Naturphänomene  mit spirituellen Konzepten vermischt, die – wie jedes Konzept – letztlich menschengemacht und konstruiert sind.

Wer das Internet befragt, sich auf Social Media umschaut und populäre Literatur aufschlägt, stößt früher oder später auf den „keltischen“ Jahreskreis, ein Konzept, welches das Jahr in acht Jahreskreisfeste unterteilt, die durch die Sonnenwenden, Tag-und-Nacht-Gleichen, sowie Vollmondereignisse gekennzeichnet werden.

Hierzu findet man folgende Namen und Daten mit jeweils christlich-kirchlichen Entsprechungen:

 

01. Februar: Imbolc und Mariä Lichtmess

20./21. März: Frühjahrs-Tag-und-Nachtgleiche (Ostara) und Ostern

1. Mai: Beltane und Marienfeste

21. Juni: Mittsommer und Johannisfest

01. August: Lúghnasadh /Lammas und Mariä Himmelfahrt

22./23. September: Herbst-Tag-und-Nachtgleiche (Mabon) und Erntedankfest

31.Oktober: Samhain und Allerheiligen

21./22. Dezember: Yule und Weihnachten

 

Bei den Jahreskreisfesten wird sich sehr häufig an alten keltisch/germanisch/slavischen Bräuchen orientiert, die unsere Vorfahren früher gefeiert haben. Hier kursieren viele Halbwahrheiten und Missverständnisse. Die zwei gängigsten sind folgende:

1.      Es gibt einen keltischen Jahreskreis

Die Jahreskreisfeste, die heute fest terminiert sind, sind eine Synthese aus regional sehr unterschiedlichen Bräuchen und Überlieferungen, sowie Ideen aus dem Neuheidentum (z.B. die Begriffe „Ostara“ und „Mabon“, die keine herkömmlichen Bezeichnungen für Feste sind.) Unsere keltischen Vorfahren beispielsweise, haben nichts schriftlich überliefert. Wir wissen heute schlicht nicht, wie und was die Menschen früher genau gefeiert haben, sondern können nur aus regional überlieferten Bräuchen Fragmente zusammensetzen. Fest steht: es wird damals weder einen überregionalen Konsens darüber gegeben haben, wie und was man feiert – ebenso wenig haben unsere Vorfahren das Jahr in eine feste Form aus acht verschiedenen Phasen gepresst.

 

2.      Der Jahreskreis hat eine eigene spirituelle Bedeutung

Bedeutung haben Dinge nur, wenn wir sie ihnen geben. In Indien sind Kühe heilig, bei uns in Europa sind es (meistens) Nutztiere auf den Bauernhöfen. Genauso verhält es sich mit bestimmten Tagen, Phasen oder Ereignissen im Jahr. Wir empfinden Weihnachten als besondere Zeit, weil dies kulturell, religiös und gesellschaftlich so gelebt wird. Doch die Tage an sich sind nicht heiliger oder besonderer als ein stinknormaler Mittwoch Mitte März. Genauso verhält es sich mit Silvester und Neujahr – auch das sind menschliche Konzepte, die uns helfen mit Kalendern und Daten Struktur in unser Leben zu bekommen. Würdest du einen Baum draußen im Wald fragen – er kennt keine besonderen Tage um ihrer selbst willen. Der Baum lebt im ewigen Hier und Jetzt, das nie bedeutsamer oder weniger bedeutsam ist als zu einem anderen Zeitpunkt. Das gilt genauso für den Jahreskreis, religiöse Feiertage, Raunächte oder kalendarische Besonderheiten wie Silvester. Bedeutsam werden diese Tage dann, wenn wir es selbst so entscheiden - aber ihre Bedeutung hängt einzig und allein an uns selbst, sie existiert nicht losgelöst davon.

 

Feiern ist zutiefst menschlich

Der Mensch unterscheidet sich vom Tier in einem entscheidenden Punkt: wir haben einen Verstand, der uns neben Komfort und Genuss permanent nach Sinn suchen lässt. Wir hinterfragen die Welt, wir wollen verstehen, was sie im Innersten zusammenhält. Wir wollen wissen, was nach dem Tod passiert und warum die Welt so ist, wie sie ist. Aus diesem menschlichen Drang sind zwei Wege entstanden: Wissenschaft und Spiritualität. Die Wissenschaft versucht die Welt logisch zu erklären, die Spiritualität wiederum versucht das noch nicht wissenschaftlich Erforschte – das Mysterium - zu erklären.

Wir Menschen sind Rudeltiere. In der Regel sind wir gerne mit Artgenossen zusammen, die wir mögen und mit denen wir uns gut verstehen. Wenn die Grundbedürfnisse erfüllt sind und wir die Schönheit der Welt bewundern können, werden wir von Dankbarkeit erfüllt und wollen dies ausdrücken. Vermutlich ist so das Feiern entstanden. Wenn unsere alten Vorfahren vor hundertausenden Jahren gemeinsam am abendlichen Lagerfeuer saßen, die Bäuche gefüllt waren und das Tagwerk getan – war da plötzlich Zeit für Gemeinschaft, Spiel, Musik, Geschichten. Bevor wir die Welt wissenschaftlich erklären konnten, haben wir Götter erfunden, um eine Erklärung für die Phänomene der Natur und des Universums zu haben.

Der Wunsch nach Rhythmen, Strukturen, Gemeinschaft, Freude, Feiern und Sinnhaftigkeit ist tief in unserer DNA verankert.

 

Was der Jahreskreis wirklich ist

 

Aus diesem Grund ist es wunderschön, wenn man etwas zu feiern hat! Für alle Menschen, die naturverbunden sind und weder mit Religion noch Esoterik etwas anfangen können und menschengemachte Konzepte leid sind, kann der Jahreskreis eine echte Alternative sein, wenn wir ihn von allem überflüssigen, verwirrenden und missverständlichen Beiwerk befreien.

Lass uns einen Blick in die Natur werfen und was dort wirklich vor sich geht.

 

1.      Frühlingserwachen

Die Haselnuss blüht, die ersten Vögel werden aktiver und bereiten sich auf die Brutsaison vor. Die Tage sind spürbar länger geworden nach der Wintersonnenwende. Wir nehmen meist bewusst ab Ende Januar, Anfang Februar wahr, dass sich in der Natur langsam das Frühjahr ankündigt. Wer einen bestimmten Tag sucht, um den Vorboten des Frühjahrs seine Aufmerksamkeit zu zollen und für sich selbst Bedeutung erschaffen möchte durch Reflexion oder ein kleines Ritual, kann als Alternative zu einem festen Kalendertag ein mess- und sichtbares Ereignis in der Natur wählen: Den zweiten Vollmond des Jahres.

 

2.      Frühlingsfreuden -  Frühjahrs-Tag-und-Nachtgleiche

Der Winter ist vorbei. Überall beginnt es zu sprießen, die Vögel nisten und erste Insekten sind in den wärmenden Sonnenstrahlen unterwegs. Der Schnee schmilzt und es liegt Aufbruchstimmung in der Luft: die Natur geht in die Startlöcher für die nächste fruchtbare Saison. Als astronomisch messbares Ereignis haben wir am 19., 20. oder 21. März die Frühjahrs-Tag-und-Nachtgleiche. Das bedeutet, dass der Tag genauso lang ist wie die Nacht. Ab dem Zeitpunkt werden die Tage bis zur Sommersonnenwende immer länger – die Zeit des Lichts bricht an.

 

3.      Lebendigkeit im Frühsommer

Die Natur explodiert. Über Nacht sind die Bäume alle grün geworden, die Wildpflanzen schießen in die Höhe, überall blüht und summt es. Viele Tiere haben ihren Nachwuchs bekommen und sind mit Füttern und Behüten beschäftigt. In der Natur findet man überall maximale Aktivität, alles scheint vor Kraft zu strotzen. Die überquellende Natur kann uns mitreißen und begeistern. Wer eine Alternative zum Maifest des Kalenders sucht, kann sich wieder am Vollmond orientieren. In diese Zeit fällt der fünfte Vollmond des Jahres.

 

4.      Höhepunkt des Lichts – die Sommersonnenwende

Der längste Tag des Jahres ist am 21. Juni, die Sonne steht am höchsten südlichen Mittagspunkt, hat also ihren maximalen Einfallswinkel erreicht. Es ist Sommer – die Wiesenblumen blühen, die Gräser und Halme sind lang, die meisten Pflanzen voll entwickelt. Ab diesem Zeitpunkt werden die Tage langsam wieder kürzer, die zweite Hälfte des Jahres bricht an.

 

5.      Beginn der Erntezeit

Aus Blüten entwickeln sich Früchte und Samen – die Zeit der Ernte beginnt. Seien es saftige Früchte und Beeren oder das Gemüse im Garten – die Sonnenenergie wurde in Zucker und Stärke umgewandelt und Tier und Mensch können aus dem Vollen schöpfen. Wer eine Alternative zum festen Kalendertag sucht, kann sich am 2. Vollmond nach der Sommersonnenwende orientieren, der in diese Zeit fällt.

 

6.      Spätsommer – Herbst-Tag-und-Nachtgleiche

Die Zeit der reifen Samen und Früchte dauert fort und kommt zum Abschluss. Die Erntezeit geht vorüber, die Pflanzen lagern ihre Energie in die Wurzeln ein, um sich auf den Winter vorzubereiten. Auch in der Tierwelt wird es langsam ruhiger, der Nachwuchs ist ausgeflogen und es werden erste Wintervorräte angelegt. Als astronomisch messbares Ereignis haben wir am 22.,23. oder 24. September Herbst-Tag-und-Nachtgleiche, das bedeutet Tag und Nacht sind wieder gleich lang. Ab nun beginnen die Tage kürzer zu werden. Die Zeit der Dunkelheit beginnt.

 

7.      Rückzug und Loslassen

Erste Fröste stellen sich ein. Die Bäume werfen die Blätter ab. Die letzten Samen fallen aus den Hülsen der abgestorbenen Pflanzen. Einige Tiere begeben sich in Winterruhe oder Winterschlaf. Die Tage sind kürzer und wenn die Sonne nicht scheint, wird es durch ihren niedrigen Sonnenstand an manchen Tagen scheinbar gar nicht so richtig hell. Die dunkelste Zeit des Jahres beginnt. Wer sich an einem natürlichen Phänomen orientieren möchte, kann – passend zur Dunkelheit – auf den Neumond achten, den fünften nach der Sommersonnenwende.

 

8.      Die größte Dunkelheit – Wintersonnenwende

Vom 20.  auf den 21. Dezember findet die Wintersonnenwende statt. Die Sonne hat ihren niedrigsten Stand am südlichen Horizont, die Tage sind deutlich kürzer als die Nächte. In der Natur schläft scheinbar alles. Die Bäume sind kahl und haben ihre Säfte in den Stamm und die Wurzeln zurückgezogen. Es ist eine Zeit des scheinbaren Stillstands, oft schon zugedeckt mit einer ersten Schneedecke. Nach der längsten Nacht des Jahres werden die Tage Stück für Stück wieder länger. Der Zyklus beginnt von vorne.

 

Alles kann, nichts muss

Die Orientierung an den Sonnen- und Mondständen ist neben der Entwicklung und Aktivität von Tieren und Pflanzen, sowie dem Wetter ein wiederkehrender, messbarer und wissenschaftlich erklärbarer Rhythmus. Wer so viel Freiheit und Naturverbundenheit wie möglich damit verknüpfen möchte, der lässt die Namen für die Jahreskreisfeste, ihre festen Daten im Kalender und sowohl überliefertes als auch vermeintliches Brauchtum am besten einfach komplett los. Es ist nicht entscheidend für die Naturerfahrung.

In der Natur finden wir das Maximum von  

-          Hier & Jetzt

-           echtem Sein und Vergehen, das du jeden Tag beobachten kannst

-          Unverfälschter Wahrheit, keine Geschichten, keine Konzepte

 

Was du daraus machst, ist dir überlassen. Alles kann, nichts muss. Wenn du möchtest, erfinde deine eigenen Rituale, Geschichten, Lieder. Geh alleine raus oder mit anderen. Oder lass alles sein. Du entscheidest, was für dich wichtig und relevant ist.

Wenn du Freude hast an aufwändigen Zeremonien, Räucherstäbchen, Orakeln und Ritualen: viel Spaß. Vergiss nur nie, dass alles was du tust, ein Spiel ist und alles was wir als Menschen erfinden, ein Werkzeug. Nutze es, wenn es dir Freude macht – aber mache es nicht zum Selbstzweck.

Gib den Werkzeugen niemals mehr Macht als dir selbst – denn du bist ebenfalls Natur.

 

Du suchst Anregungen, um deine Naturverbindung zu vertiefen, dich selbst im natürlichen Rhythmus des Jahres zu erleben und dich mit Gleichgesinnten auszutauschen? Dann freue ich mich auf dich im Online-Jahreszeitenkreis 2026.

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7 Wege der Natur etwas zurückzugeben